Gesund durch den digitalen Wandel
von Margaret Heckel

Dehnen, recken, strecken: Ein „bewegter Einstieg“ begrüßte die gut 120 Teilnehmer des diesjährigen, bereits 3. Freiburger Unternehmer-Symposiums im Gesundheitsressort Freiburg. Mehrere Trainer des Mitveranstalters FITALMANAGEMENT zeigten kurze, knackige Übungen für einen noch besseren Start in den Tag.

So angeregt waren die Gehirnzellen aller Anwesenden mehr als bereit für die Diskussion darüber, wie die Digitalisierung das betriebliche Gesundheitsmanagement verändert.  Drei Grundtendenzen zeigten sich den ganzen Tag über: Zum einen werden neue technische Geräte wie Sensoren und Wearables – also beispielsweise Chips im T-Shirt oder Turnschuh – unseren jeweiligen Gesundheitszustand besser denn je überwachen und uns warnen können.

Zum anderen wird künstliche Intelligenz uns zunehmend von Routineaufgaben entlasten. Das macht die Arbeit auf der einen Seite angenehmer, auf der anderen aber auch komplexer. Vor allem aber werden Gesundheit und Wohlbefinden über unsere Zukunftsfähigkeit entscheiden – und dieser dritte Trend steht  eigentlich als Überschrift über allem anderen.

Vertreten hat ihn Dr. Natalie Lotzmann, die bei SAP das globale Gesundheitsmanagement leitet und auch INQA-Themenbotschafterin ist.  „Keiner von uns kann gute Arbeit leisten, wenn wir uns selbst nicht wohl fühlen und auf uns achten“, zitiert sie den SAP-Vorstandsvorsitzenden Bill McDermott. Das Gesundheitsmanagement müsse deshalb „neu gedacht und mit einem erweiterten Gesundheitsbegriff strategisch aufgestellt“ werden. Gerade in der Vuca-Welt von heute sei das essentiell, meint Lotzmann. Vuca ist ein Kunstwort und steht für die Begriffe volatility (Volatilität, Unbeständigkeit), uncertainty (Unsicherheit), complexity (Komplexität) und ambiguity (Mehrdeutigkeit). Gerade weil sich alles ständig und in sich immer weiter beschleunigendem Tempo verändert, müssen sich alle am Arbeitsplatz wohlfühlen, um gute Leistungen zu bringen. Gesundheitsmanagement ist deshalb nach Ansicht von Lotzmann in Zeiten der Digitalisierung weit mehr als Prävention und Rückenschule: Es ist entscheidend für die Attraktivität eines Arbeitgebers und muss einen umfassenden Kultur- und Wertewandel hin zu einer empathischen, wertschätzenden Arbeitsatmosphäre beinhalten.

Deshalb sei auch das alte Sprichwort „Der Kunde ist König“ inzwischen Unsinn, wie Professor Volker Nürnberg meint. Der Partner Advisory Services Gesundheitswirtschaft bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO sagt stattdessen: „Der Mitarbeiter ist König. Wenn man sich gut um seine Mitarbeiter kümmert, kümmern sie sich gut um die Kunden.“ Jedes Unternehmen habe deshalb den Krankenstand, „den es verdient. Krankmelden ist häufig eine Bettkanten-Entscheidung.“ Wenn sich Mitarbeiter in der Pflege beispielsweise durchschnittlich 26 Tage im Jahr krankmelden würden, habe dies eben auch mit den Arbeitsbedingungen dort zu tun – und oftmals auch mit mangelnder Wertschätzung. Nürnberg geht davon aus, dass technische Innovationen wie gute Apps, Wearables und Big Data im Gesundheitsbereich großen Nutzen stiften werden. In den USA habe sich beispielsweise gezeigt, dass die Herzfrequenz-Messung der Apple Watch sehr erfolgreich eingesetzt werden könne, um Herzinfarkte zu verhindern: „Die Sensoren in der Uhr können einen drohenden Herzinfarkt Sekunden vorher messen und über die GPS-Funktion auch gleich den Notarzt automatisch herbeirufen.“ Als dies in einer US-Stadt jüngst in einer groß angelegten Studie getestet wurden, konnten Dutzende Leben gerettet werden. In Deutschland sei die Funktion auf der Uhr allerdings noch nicht freigeschaltet, weil es sich um ein Medizin-Produkt handele, das erst noch von den Behörden zugelassen werden muss.

Welche konkreten Erfahrungen die zweitgrößte Krankenkasse Deutschlands, die AOK Baden-Württemberg, mit Digitalisierung macht, berichtete ihr stellvertretender Vorstandsvorsitzender Siegmar Nesch in seinem Vortrag. So würde ein Teil der Korrespondenz bereits von lernenden Algorithmen statt von Menschen bearbeitet. Dies führe dazu, „dass die Maschinen zwar die einfachen Dingen machen, aber für die Menschen die übrigen Themen komplexer werden.“ Die AOK Baden-Württemberg legt deshalb großen Wert darauf, alle Mitarbeiter intensiv zu schulen und fit für die Digitalisierung zu machen. Zentral dabei sei eine wertschätzende Kultur, sagt Nesch. Dies beinhalte immer auch weitgehende Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen. So gebe es „jede Variante von Arbeitszeitmodellen, die man sich denken kann“, selbstverständlich Führen in Teilzeit und eine lebensphasenorientierte Personalpolitik. Nesch weist aber darauf hin, dass dies alles längst nicht ausreicht. Wie auch Natalie Lotzmann von SAP ist er davon überzeugt, dass die Digitalisierung zu einer Demokratisierung der Arbeitsbeziehungen führen wird: „Führung in digitalen Zeiten bedingt ein Loslassen und eine intensive Auseinandersetzung mit weiterentwickelten Managementwerkzeugen zugleich.“

Viel Arbeit also für alle, die Verantwortung in Unternehmen tragen. Aber gleichzeitig auch eine außerordentlich spannende Zeit, wie viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen des FUS 2019 übereinstimmend berichteten. Denn dass sich derzeit unheimlich viel in den Unternehmen verschiebt, war ein Eindruck, der auch in den Gesprächen in den Pausen immer wieder zu hören war. Und so ist es auch kein Zufall, dass „gute Führung“ das Thema des nächsten Freiburger Unternehmer-Symposiums sein wird, das am 4. und 5. März 2020 stattfindet.